Annas Welt

Fremdbestimmt statt selbstbestimmt.

Bin ich im Kern weiterhin dieselbe, so änderte sich in meinem Leben mit Kind vor allen Dingen eins: Ich war auf einmal zu 100 % fremdbestimmt. Nicht mehr duschen, wann ich wollte, sondern wenn es passte. Essen, telefonieren, kacken… alles nur dann, wenn der Moment es gerade zuließ.

In jeder meiner bisherigen Lebensphase hatte sich etwas verändert. Aber ich bleib immer eins: Selbstbestimmt. In der ersten entscheidenden Lebensphase – als die Schule vorbei war – das erste Mal, so richtig.

Meine erste prägende Lebensphase

Nach dem Abi war ich erst mal drei Jahre weg. Selbstbestimmtheit: 100%. Rundreise in Thailand, Barkeeper-Ausbildung in London, Boote putzen in Palma de Mallorca und Animateurin auf Formentera sowie in Sharm el Sheikh. Ich hatte wirklich, sehr viel Spaß!

Mit 22 Jahren kam ich gereift zurück. Hatte gelernt mit Rückschlägen klar zu kommen. Mein Talent als Lösungsfinderin ausgearbeitet. Und erhielt die Einsicht: Es tat dir gut, ein paar Mal ordentlich auf die Fresse zu fallen!

Jetzt musst du mal was ‚Richtiges‘ machen

Damit und mit der Einsicht, dass ich in meine potenzielle berufliche Laufbahn investieren sollte, kam ich zurück nach Deutschland und begann meine Ausbildung zur Hotelfachfrau. Selbstbestimmtheit: 70%. Und, es waren ganz wunderbare 2,5 Jahre!

Arbeiten mit einem Mix aus Kollegen aller Altersstufen und Ethnien, gaben mir weiterhin so viel Welt- und Weitsicht, ohne die Stadt verlassen zu müssen. Promis Essen aufs Zimmer bringen, 12h am Stück arbeiten und nackte Gäste im Glasaufzug – alles inklusive.

Der erste ‚richtige‘ Job

Meinen ersten Job nach der Ausbildung, begann ich an der Rezeption eines Design-Hotels. Selbstbestimmtheit: 90%. Umringt von einem zauberhaften Team aus Frauen und Männern verschiedenster Herkunft, gab es Tage an denen wir so lachen mussten, dass wir gar nicht ans Telefon gehen konnten.

Das Album ‚Made of Bricks‘ von Kate Nash, war eines unserer Favoriten. Beim fünfzehnten ‚ever‘ von ‚Mariella‘, musste immer eine*r schnell zum nächsten Lied forwarden, sonst hätten die Gäste in der Lobby, uns eventuell etwas an den Kopf geworfen. Beliebt war auch das Retten unserer Kunst vor langfingrigen Gästen, oder die große Suche nach dem Gepäck, der wöchentlich wiederkehrenden Stammgäste. Herrlich.

Studium & Fernbeziehung

Nach einem Jahr wollte ich mehr. Mehr aus meinen ‚geistigen‘ Kapazitäten holen. Gemeinsam mit Freunden bewarb ich mich für ein Studium in Innsbruck im Bereich Tourismus und wurde genommen. Selbstbestimmung: 100%. Die erste Herausforderungen war, da meine Schullaufbahn sieben Jahre zurück lag, das lernen wieder zu lernen. Die zweite, dass mein (damals Freund jetzt) Mann und ich, uns der harten Probe ‚Fernbeziehung‘ stellen mussten.

Und wieder war ich umgeben von wunderbaren Menschen, von denen viele auch heute noch meine Freunde sind. Einen Tiroler und einen Südtiroler als WG-Mitbewohner, Aperol Spritz für 3,50€ nach 18:00 Uhr in der Mensa und ein sechsmonatiges Auslandssemester in Argentinien. Alles dabei!  

Der erste Büro-Job

Zurück zu Hause und mit abgeschlossenem Studium fand ich einen Job im Marketing. Für mich war ich jetzt endgültig Erwachsen. Mein Freund und ich lebten in einer gemeinsamen Wohnung, hatten ein großes Bett mit jeweils einem Nachttisch links und rechts (meine damalige Definition von Erwachsen sein), besuchten häufig Konzerte und genossen Zeit gemeinsam sowie mit Freunden. Selbstbestimmtheit: 100%.

Eltern werden

Dann wünschten wir uns ein gemeinsames Kind und ich wurde direkt schwanger – und zelebrierte es! Sicher auch auf Kosten der Nerven meiner Mitmenschen. Suchte früh nach einer Hebamme. Ging zum Schwangeren-Yoga. Achtete auf meine Ernährung. Das ganze Programm. Selbstbestimmtheit: 80%. Einige Dinge sollst du in dieser Zeit, halt nicht essen oder machen. 

Über den Ablauf der bevorstehenden Geburt, hatte ich ganz klare Vorstellungen. Im Wasser. Ohne Schmerzmittel. Ganz natürlich. Das höchste der Gefühle: ein paar Globuli! Vor allen Dingen durfte es – unter keinen Umständen – ein Kaiserschnitt werden. Dies gab ich im Krankenhaus auch ganz genau so an. Gefühlte Selbstbestimmtheit: 100%.

Der Tag der Geburt meiner Tochter kam

Und meine Planung und Vorstellungen rundum um ihre Geburt waren perdu. Kaiserschnitt. Boom. Selbstbestimmung: 0%. Für mich, ein Schock. Dabei war der Kaiserschnitt an sich nicht das, was mich so erschütterte. Wir wurden wunderbar begleitet, es gab keine Komplikationen und vor allen Dingen, war unsere Tochter kerngesund!

Aber zum ersten Mal in meinen Leben geschah etwas komplett entgegen dem, was ich geplant hatte. Entgegen dem, worauf ich hin gearbeitet hatte. Fremdbestimmung: 100%.

Der erste Moment

Damals vor acht Jahren verstand ich nicht, dass dies der erste von vielen weiteren Momenten sein würde, in denen es nicht so läuft, wie ich es geplant hatte. Stillen klappte nicht auf Anhieb. Ich hatte keine Ahnung, was ich hier eigentlich machte. Meine Vorstellung, dass das Wissen über Mutterschaft mit dem Milcheinschuss käme, wurde so gar nicht erfüllt. Hm. 

In meinen ersten Wochen als Mutter weinte ich. Viel. Vor Freude über dieses perfekte kleine Baby. Vor Erschöpfung. Vor Müdigkeit. Vor Wochenbett-Hormonen. Und vor Trauer um meine ‚verpasste‘ natürliche Geburt. Dann weinte ich vor Schuldgefühlen deswegen. Dann weinte ich wegen dem Gefühl des Versagens. Dachte ich hätte etwas falsch gemacht und sie deswegen, per Kaiserschnitt geholt werden musste. 

Mein Umfeld sagte: ‚Aber, es ist doch alles gut? Ist doch egal, wie sie auf die Welt gekommen ist.‘ Mir war es aber nicht egal.

Und dann kommen einige weitere Momente

Sind die Kiddos noch klein, ist die Stimmung des Tages komplett von ihnen abhängig. Hat man sich am Vormittag noch Freude strahlend beim Frühstück gegenseitig zum lachen gebracht, endet der Nachmittag auf einmal unerwartet in einem Chaos aus Schreien und chronischer Unzufriedenheit. Auf beiden Seiten. An anderen Tagen, ist es dann umgekehrt. Fremdbestimmung: 100%.

Von Phase zu Schub, von Schub zu Phase. In einem Moment hast du total verstanden, was deinem Baby/Kind gut tut, am nächsten Tag ist es auf einmal ganz anders. Verlangte dein Kind in der einen Woche täglich nach Bananen, will es in der Woche darauf, nichts mehr davon wissen. 

Muttersein hieß für mich zum einen, diesen kleinen Menschen, den ich noch gar nicht kannte, absolut bedingungslos zu lieben. Zum anderen aber, meine geliebte Selbstbestimmtheit, vorerst abzugeben. Zu akzeptieren, dass es Dinge gibt, auf die ich keinen Einfluss nehmen kann. Egal, wie sehr ich es will.

Aber, die Selbstbestimmtheit kommt wieder

Je älter die Kids werden, je mehr kommt die Selbstbestimmung zurück. Stück für Stück. Auch wenn man es in bestimmten Etappen, auch nicht ansatzweise, glauben kann. Dann zum Beispiel, wenn man vor Müdigkeit kaum Aufrecht stehen kann und mit Schrecken feststellt, es ist erst 07:56 Uhr! AH!

Heute, nach knapp acht Jahren Mutterschaft, bin ich bei einer Selbstbestimmung von 65%. Die Kiddos können immer mehr allein und brauchen den 24/7 Rundumschutz nicht mehr. Heute versuche ich statt dessen, Antworten auf ihre  Fragen zu finden – und weiß sie sehr häufig nicht. ‚Mama, wie entsteht Wind?‘. ‚Joah, dass war was mit heißer und kalter Luft… eh… warte, ich schau mal nach!‘ Oder gerne Klischee-mäßig: ‚Frag deinen Vater.‘

Wir sind in der Etappe, in der die Kids wirklich lustige Sachen sagen. Witze reißen, über die ich Tränen lache und nicht aus Höflichkeit: ‚Haha, ja. Lustig!‘, sage. Eines meiner Lebensziele habe ich schon erreicht: Unsere Kinder, haben unseren Humor geerbt. JÖH!

Und sind die Kids mal tatsächlich über Nacht bei den Großeltern und ich viel Zeit für mich habe, denke ich sehr oft an sie. Und mein Mann und ich zitieren die vielen Lustigkeiten, die sie so von sich geben. Die wohlbekannten Eltern-Insider zwischen Partnern. Wunderbar!

Zu wissen, dass meine Selbstbestimmtheit wieder kommt, war mir wichtig. Bei anderen, ist es etwas anderes. Am Ende des Tages sind meine Kinder zwei coole Säue, die ich über alles Liebe. Und Mutterschaft lässt sich für mich, in zwei Worten zusammenfassen:

Demut & Dankbarkeit.

In diesem Sinne: Rockt On!

Die ganze Geschichte zur Geburt meiner Tochter, kannst du in meinem ersten Blog-Artikel nachlesen. 
Und hier, wie es auf der Wochenbettstation weiterging.

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