Meine Gedanken zu ‚Alle so still‘ von Mareike Fallwickl

Uff. Ich wusste das der Roman intensiv wird. Viele Tränen, Kopfschütteln und 10 Tage später lag er dann ausgelesen in meinem Schoß und ich machte einige Minuten erstmal gar nichts.

Vorab: Ich bin privilegiert aufgewachsen.

In Bezug auf zwischenmenschliche Beziehungen, Bildung und beruflichen Chancen. Hatte Menschen um mich herum die mir wohl gesonnen waren. Meine Beziehungen mit Männern egal ob familiärer, freundschaftlicher oder romantischer Natur waren immer respekt- und liebevoll. Neben den „typischen“ Erfahrungen die so gut wie alle Frauen im Laufe ihres Lebens machen wie ungefragt an den Arsch gefasst, oder als Schlampe bezeichnet zu werden weil meinen einen Typen abweist, habe ich keine „schlimmen“ Erfahrungen mit Männern gemacht. Was auch immer das heißen soll.

Aber ich kenne unzählige Frauen bei denen es anders ist

Mareike Fallwickls Roman kurz zusammengefasst: Einige Frauen entscheiden sich, ohne besonderen Grund, sich auf die Straßen zu legen. Täglich werden es mehr. Zuerst in einzelnen Städten, dann im ganzen Land. Sie sagen nichts. Solidarisieren sich und hören einfach auf zu funktionieren. Funktionieren zu wollen. Und das System, bricht zusammen.

Mich hat der Roman deswegen so gefesselt weil ich glaube dass viele Frauen (insbesondere wenn sie sich täglich um andere Personen kümmern müssen und ohne ‚Dorf‘, mit dem sie es gemeinsam tun) irgendwann diesen Genanken haben, den lauten Schrei im Kopf: ‚ICH WILL NICHT MEHR!!‘.

Wenn eine Person sich alleine neben ihrem Beruf um Haushalt, die endlose Care-Arbeit, Wäsche ( = einsammeln, sortieren, in die Waschmaschine, aus der Waschmaschine, aufhängen, abhängen, einräumen!), einkaufen, kochen – die Liste ist einfach endlos – kümmert, dann wird es zu viel.

Die Realität vieler Frauen: sie brennen aus, funktionieren aber weiter!

Insbesondere diejenigen die sich nicht ‚nur‘ um sich sondern auch um andere kümmern wollen/müssen – ob Privat oder (und) beruflich, denn auch das ist kein Geheimnis das die ‚kümmernden‘ Berufe zum Größten Teil von Frauen ausgeübt werden und (auch) ein Grund sind, warum sie so schlecht bezahlt werden.

Wenn Du kein Licht mehr im Tunnel siehst, wenn nach jeder fertigen Aufgabe nur noch weitere Aufgaben kommen und diese dann noch mit Unerwartetem unterbrochen werden wie ‚ich habe Hunger‘, ‚ich bin fertig‘ oder irgendwer abgeholt werden muss… wenn all das an EINER Person hängt, geht diese Person irgendwann kaputt. 

Sie (ich gender bewusst nicht) verliert sich selbst, ist immer müde und hat weder Kraft noch Lust Dinge zu unternehmen, die ihr eigentlich gut täten, oder könnte es nicht wenn sie wollte, weil niemand da ist, der sich in ihrer Abwesenheit um die Zuhause gebliebenen kümmert. Und das ist es was Frauen killt! Das Gefühl nichts geht ohne mich! Ich bin für alles verantwortlich.

Der Grund warum das überhaupt soweit kommen kann: Das Patriarchat

Einmal erzählte mir eine Frau ihr Mann sei arbeitslos und seit Monaten zu Hause. Wenn sie von ihrem Job nach Hause kommt sind keine Teller in die Spülmaschine eingeräumt, keine Wäsche gewaschen oder aufgehängt, die Kinder müssen noch Hausaufgaben machen und eine warme Mahlzeit muss sie selber für alle kochen. Und ich dachte mir nur:

WHAT THE FLYING FUCK?!!

Zum einen: Wo nimmt er die Selbstverständlichkeit her? Woher das Selbstvertrauen, dass es völlig in Ordnung sei NICHTS zu tun? Keine Verantwortung zu tragen. Aber, wenn Du immer machen kannst was du willst und damit durchkommst… warum sollte man es dann nicht machen, oder? Trump ist ein tolles Beispiel dafür. Wie ein wütender, dummer Vierjähriger plärrt er durch die Gegend, wirft mir Worten und Dingen und alle nicken nur freundlich und sagen: „Komm, lass ihn. Sonst wird er nur noch anstrengender.“

Wir müssen auf den Tisch hauen!

Der oben erwähnte Mann wird keine Freunde oder andere Leute haben die ihm sagen: „Du, das geht nicht! Ihr seid eine Familie, ein Team. Deine Frau soll nicht alles allein machen müssen. Du hast auch Verantwortung!“. Wenn die Strukturen so funktionieren dass ein Mann damit durchkommt, niemand ihn auf sein Fehlverhalten hinweist und solange Frauen akzeptieren so behandelt zu werden, solange wird es immer Männer dieser Art geben, die einfach machen was sie wollen und damit durchkommen.

Nein, es geht nicht um Victim-blaming!

Ich spreche nicht von Frauen die in gewalttätigen Beziehungen mit manipulierenden Männern leben, ohne soziales Umfeld. Diesen Männern völlig ausgeliefert sind. Diese Frauen müssen WIR um jeden Preis schützen!! Aus dieser Hölle heraus holen! Und dazu gehört auch laut zu werden, zu sagen wenn etwas untragbar ist, keinem Mann das Gefühl zu geben es sei in Ordnung sich zu benehmen wie ein Arschloch.

Das die Welt dabei zuschaut wie der Taliban den Frauen in Afghanistan innerhalb von fünf Jahren jegliche Rechte aberkannt hat und – um nur ein Bespiel zu nennen – ein Mann seine Frau verprügeln darf, solange keine Knochen gebrochen werden. Soweit geht es, wenn niemand STOPP sagt!

Meine Worte reichen nicht aus für das Elend welches so viele Frauen weltweit ertragen müssen!!

DESWEGEN: Für mich als privilegierte Frau, die in einem privilegierten Land lebt, ist es meine PFLICHT Männern – wie dem Vollhorst von oben drüber – die Stirn zu bieten und mir sowas nicht gefallen zu lassen. Nein, es ist nicht wichtiger dass die Kinder mit ihrem Vater gemeinsam aufwachsen, denn der Dude ist ein fucking Lauch!

Es ist wichtiger dass die Kinder sehen, dass sich wie ein Arschloch aufführen, Konsequenzen hat! Und zwar die, dass er dann hier nicht mehr mitspielen darf. Danke. Ciao!

Ich bin Feministin für alle meine Schwestern, weltweit!

Für die Frauen die nicht so privilegiert sind wie ich. Die nicht sagen und schreiben können was sie wollen. Die Angst vor ihrem Mann oder dem System haben. Die wissen, dass ihre Töchter nicht die gleichen Chancen haben werden wie ihre Söhne. Die vergewaltigt, unterdrückt oder getötet werden. Für sie alle bin ich Feministin und habe kein Problem damit anderen damit auf den Sack zu gehen! Und weder mein Mann, mein Sohn, mein Vater noch meine männlichen Freunde fühlen sich davon eingeschüchtert. Weil sie verstehen.

In allen Lebensphasen lebte und hatte ich eine Sisterhood!

Egal wie wild, traurig, glücklich, anstrengend, fröhlich oder sorgenvoll meine Phasen waren. Ich habe Frauen um mich herum die mich auffangen! Mit denen ich mich austausche. Frauen mit denen ich abends zusammen sitzen und über das Leben philosophieren kann. Frauen mit denen ich stundenlange Telefonate führe, weil sie in ganz Deutschland verteilt sind und wir uns so weiterhin Nahe sein können.

Und sie bekommen genau diese Loyalität und Liebe von mir zu 100% zurück

In diesem Sinne: Be a feminist! And support your local sisters!

Liebe geht raus!  

Anna

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