Rezension: ‚Zwei vernünftige Erwachsene die sich mal nackt gesehen haben‘ – Anika Decker

Im Urlaub habe ich diesen Roman aus dem Bücherschrank gezogen. Im Laden wäre es nicht unbedingt meine erste Wahl gewesen, da die Storyline beim Lesen des Beschreibungstexts mich nicht direkt abgeholt hat: Nina, Anfang 50 mit zwei erwachsenen Kindern, trennt sich von ihrem reichen Mann weil er sie mit einer jüngeren betrogen hat und mit ihr nochmal Familie gründet und wohnt jetzt ziemlich arm und edgy in einer kleinen Wohnung in Berlin.

Das ich es mitnahm lang vor allen Dingen an Olli Schulz der zitiert wurde, dass es eins der komischsten Bücher ist die er seit langem gelesen hat… und ja: es ist sehr lustig! Annika Decker hat einen guten Wortwitz und eine schöne Art zu erzählen, so dass man sich die Personen und das Umfeld sehr gut vorstellen kann. Bis zum 3/4 des Buches habe ich oft laut gelacht und auch die Story an sich war ok, dann aber nimmt es eine Wendung.

Die Geschichte kurz gefasst – ohne Spoiler!:

Auf den letzten 100 Seiten wird ein gesellschaftlich/ feministisches Fass aufgemacht, was in der Kürze der Zeit gar nicht erklär,- oder lösbar ist. Ab da wusste ich: es wird ein abruptes, unlogisches Happy End geben. Und so war es leider auch.

Zudem fand ich die Art wie Nina von ihrer Familie angegangen wird, weil sie einen jüngeren Mann kennenlernt, unmöglich! Anstatt sich darüber aber zu ärgern, wie übergriffig ihr Familie ist, regiert sie unterwürfig und selbstbeschuldigend, was von der Autorin auch nicht so eingeordnet wird und es somit rüberkommt, als sei es ok. Ziemlich ätzend und 90-iger Jahre mäßig. Auch wenn Nina am Ende nochmal eine Standpauke hält, mich hat ihre Unterwürfigkeit sehr geärgert.

Beim Roman gibt es ein ähnliches Phänomen wie beim Film ‚Wunderbar‘ den ich damals mit meinen Freundinnen (mit großer Vorfreude) im Kino gesehen habe und dann etwas enttäuscht hinaus kam, weil es genauso ein ZDF, 20:15 Uhr Sonntagabend Film hätte sein können. Es ist der Wille ein gesellschaftlich schweres Thema in einen lustigen, 1,5h Film zu verpacken, und am Ende werden die Themen nur angeschnitten und lassen einen etwas gelangweilt zurück.

Mein Fazit:

Ich mag den Humor von Annika Decker sehr – sie ist unter anderem die Regisseurin und Autorin von ‚Kein-Ohr-Hase’ (was ich vorher nicht wusste). Aber die Storyline flacht gegen Ende einfach sehr ab. Ich hätte das gesellschaftlich/ moralisch aufgeladene, und dadurch unrealistische, Ende lieber gegen ein cooles von Nina getauscht, indem sie als selbstbestimmte Frau rausgeht. Eines was nicht am Ende die Moralkeule schwingt und (typisch, deutscher Kinofilm) mit einer Person endet, die ein Treppenhaus hinauf rennt.

Von „10 Punkten: „Absolutes Lieblingsbuch! Würde es auch ein zweites Mal lesen“
bis „0 Punkte: „ich habe es nicht einmal zu Ende lesen können weil es so schlecht ist…“
gebe ich Deckers Buch 7 Punkte. 
Es ist wirklich lustig und eine perfekte Urlaubslektüre. Leicht zu lesen und viel zu lachen.

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