Rezension: ‚Der Bademeister ohne Himmel‘ von Petra Pellini

Im Zuge der ‚Momothek‚ auf Instagram von Moritz Neumeier habe ich dieses von der Community ausgesuchte Buch mitgelesen. Grob zusammengefasst geht es um die 16-jährige Linda die mit ihrer alleinerziehendem Mutter in einer Wohnung über den an Demenz erkrankten 86-jährigen Hubert lebt und sich aus einem Zufall heraus, gemeinsam mit der polnischen Pflegerin Ewa, um ihn kümmert. Die Geschichte erinnert vom Storytelling her an ‚Zusammen ist man weniger allein‘ von Anna Gavalda oder auch ‚Pina fällt aus‘ von Vera Zischke.

Für mich fällt Pellinis Roman aber deutlich seichter aus als die anderen beiden, auch weil er mit 320 ein relativ schmaler Roman ist. Wenn man (so wie ich) Geschichten von WGs die aus einer Kombination an Menschen verschiedener Generationen und Herausforderungen entstehen mag, werden die beiden anderen Romane wahrscheinlich besser gefallen.

In meinem engsten Kreis sind Demenz und Alzheimer ein Teil des Alltags. Seit einigen Jahren sind die Erkrankungen auch der Allgemeinheit bekannt und es kommen immer mehr Bücher, Filme und Serien dazu, die sich mit an Demenz erkrankten Menschen auseinandersetzen. In meiner Familie ist der Umgang mit der Krankheit – wie auch im Roman von Pellini – mit einer guten Prise Humor. Das mochte ich am Roman und bewährt sich auch im wahren Leben. Ohne Humor ist es schwer damit klar zu kommen, wenn ein Mensch der dir Nahe steht sich irgendwann so verändert, dass sie/er nichts mit der Person zu tun hat, die du schon den Leben lang kennst und liebst.

Anhand Pellinis Erzählungen, was Hubert im Laufe des Romans auf einmal nicht mehr kann, oder wie sich sein Wesen verändert merkt man, dass sie sich mit DemenzpatientInnen auskennt. Zum Beispiel werden ab einem bestimmten Moment die Spiegel verhängt, weil Hubert nicht weiß wer der Mann im Spiegel ist und Streit mit ‚ihm‘ anfängt.

Meine Rezension zum Buch:

Meine Gefühle zum Buch sind durchmischt. Was mir gefiel sind die kurzen Kapitel wodurch es, neben dem angenehm lesebaren Schreibstil, leicht war zwei, drei Kapitel zu meinem Morgenkaffee zu lesen. Für einen Spiegelbestseller (wobei mein Gefühl mittlerweile ist, dass das kein Qualitätsmerkmal sein muss) fand ich den Einstieg in das Buch etwas seicht und auch die Sprache der Ich-Erzählerin Linda zuweilen etwas plump.

Beim lesen kam es mir eher vor, dass eine Mitt-Dreißigerin erzählt als eine 16-jährige. Sie soll natürlich Erwachsen für ihr Alter rüberkommen, aber es wirkte auf mich teilweise nicht ganz authentisch. Nach den ersten 10 (wie gesagt sehr kurzen Kapiteln) wollte ich es etwas enttäuscht zur Seite zu legen. Womit Pellini mich dann aber wieder zurück holte, waren Lindas sehr lustigen Beobachten und Sprüche und auch ihr Verständnis für Huberts Bedürfnisse.

Die Beziehung zwischen Ewa, Hubert und Linda wird sehr feinfühlig aufgebaut und ich konnte mir die einzelnen Personen sehr gut vorstellten. Pellini hat – laut Biographie – viel mit an Demenz erkrankten Menschen gearbeitet und das merkt man. Dass Linda suizidgedanken hat, soll der Geschichte wahrscheinlich eine weitere tiefe Ebene geben und den Kontrast zu einem jungen Menschen – ‚die alles noch vor sich hat – versus einem alten Menschen der langsam alles vergisst was ihn ausmacht aufzeigen. Mir kam das manchmal etwas künstlich aufgebaut vor.

Das Buch endet recht abrupt mit mehreren Geschehnissen nebeneinander, die zum Teil auf mich wirkten, als wolle Pellini noch einen kleinen Plottwist einbauen.

Anfang des Jahres habe ich mit meinem schwedischen Buchklub ‚Wenn die Kraniche nach Süden ziehen‘ von Lisa Ridzén gelesen. Dort geht es ebenfalls um einen alten, allein lebenden Mann, der drei Mal täglich von wechselnden Betreuern besucht wird und die über ein ‚Übergabebuch‘ miteinander kommunizieren. In Schweden ist das Betreuungssystem etwas anders aufgebaut als in Deutschland. Der Hauptprotagonist des Romans ist nicht an Demenz erkrankt – dafür seine im Heim lebende Frau. Es wird trotzdem deutlich, dass er im Alter stellenweise nicht so gut zurecht kommt, teilweise Sachen durcheinander bringt oder vergisst und auf Hilfe angewiesen ist. Sehr einfühlsam und obwohl Ridzén eine junge Frau ist, hat sie die Gedankenwelt des Mannes so nachvollziehbar und emphatisch getroffen, dass ich mehrmals weinen musste.

Wenn jemand gerne einen Roman lesen möchte welches die Geschichte eines Menschen im hohen Alter erzählt, möchte ich auf jeden Fall Rizdéns Roman ans Herz legen.

Fazit: Pellinis Roman ist leicht gelesen, hat schöne Stellen und ist ein guter, schnell gelesener Roman und somit Perfekt für die Urlaubszeit. Ein paar Tränen habe ich auch verdrückt, bin aber auch grundsätzlich auf der emotionalen Seite der Welt zu Hause.

Von ’10 Punkten: Absolutes Lieblingsbuch! Würde es auch ein zweites Mal lesen‘ bis
0 ‚ich habe es nicht einmal zu Ende lesen können weil es so schlecht ist…‘ gebe ich Pellinis Buch 6 Punkte.
Es hat wirklich schöne Momente und ist leicht gelesen. Aber ich würde es nicht unbedingt weiter empfehlen oder andere davon vorschwärmen.

Mein nächstes Buch kommt aus meinem persönlichen Bücherregal. Meine Challenge seit Juni 2026: ein neues und ein bereits in meinem Bücherregal bestehendes Buch im Wechsel lesen. Die kommende Rezension wird also zu ‚Vati‘ von Monika Helfer.

In diesem Sinne: Happy Reading und erzählt mir gerne von den Büchern die ihr zuletzt gelesen und euch umgehauen haben!

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