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Als der Wunsch-Vater meiner ungeborenen Kinder starb

‚Was macht man, wenn der Mann mit dem man Familie gründen will, stirbt?

Silke 34 – Trauerbegleiterin, Autorin & Bloggerin bei InLauterTrauer.de
Julian 29 †

Silke und ich haben uns übers Bloggen kennen gelernt und ihre Geschichte hat mich sehr bewegt. Sie verlor ihren Lebenspartner ganz unerwartet bei einer gemeinsamen Reise. Ein Alptraum! Mit gerade mal 30 Jahren. Genau die Lebensphase, wo es anfängt ein bisschen ernster zu werden. Heiraten. Kinder. Gemeinsames Haus.

Auf einmal war der Grundstein, auf dem Silke dies hätte aufbauen wollen, weg. Mit Julian ihre Idee von Familie und Zukunft gestorben. Und der immer wieder kommende Rat: ‚Du bist doch noch jung. Du findest einen neuen Mann!‘. Der half halt so gar nicht.

Weder beim Trauern, noch beim Gefühl, keine Familie mehr gründen zu wollen.

Silke und ich hoffen, dass andere, die in einer ähnlichen Situation sind, ihre Worte lesen und ein wenig Trost empfinden können. Sich in ihren Worten vielleicht wiederfinden. Ich war und bin wahnsinnig bewegt von Deinen Worten liebe Silke. Danke, dass Du sie mit uns teilst.

Und ja! Deine Geschichte gehört sowas von hier hin!

Meine Familiengeschichte fand ihr Ende, bevor die Familie entstehen konnte.

Die Familie bin jetzt sozusagen ich. Alleine.

Das, was von dem Gedanken unserer Familie übrig blieb. Damals noch ein zarter Gedanke. Weit entfernt von Planung oder Umsetzung. Und doch eben dieser Gedanke, dieses leise Gefühl, den Vater meiner Kinder gefunden zu haben.

Welch unbeschreibliches Glück dies war verstand ich erst, als ich ihn wieder verloren hatte. Den Vater meiner ungeborenen Kinder.

Darf ich überhaupt über Familie sprechen?

Gehört meine Geschichte hier überhaupt hin? Erst habe ich gezögert, sie zu erzählen, aus Angst vor Unverständnis. Aus Angst, eben nicht dazuzugehören. Nicht über Familie sprechen zu dürfen, wo ich doch gar keine habe.

Ich spüre immer wieder so eine Art Erwartungshaltung der Gesellschaft, dass es dazugehört, eine Familie zu gründen. Oder besser gesagt, gründen zu wollen. Als wäre ich merkwürdig, wenn ich das nicht mache und aktuell auch gar nicht anstrebe.

Gerade als Frau sollte man doch Kinder bekommen wollen, oder nicht?

Aber was macht man, wenn der Mann, mit dem man diese Familie gründen will, stirbt? Ich war 30 Jahre alt, als mir das Unvorstellbare passierte. Er 29. Er. Mein Freund. Mein Lebenspartner. Mein Lieblingsmensch. Er. Mit dem ich am allerliebsten auf der Welt meine Zeit verbrachte.

Alles war wunderschön und leicht mit ihm. Wir hatten eine Zukunft und noch so viel Leben vor uns. Kein Grund sich zu beeilen mit Heirat oder Kindern. Wir hatten uns.

Aber mit einem Schlag war diese gemeinsame Zukunft vorbei.

Starb, mit ihm zusammen. In unserem Freundeskreis hatte gerade die Hochzeits-Ära begonnen. Wir waren gemeinsam schon auf einigen gewesen. Kurze Zeit vor seinem Tod hatte ich selbst einmal den Brautstrauß gefangen! Wären wir damit nicht als nächstes dran gewesen?

In dieser Zeit begann ich mich ganz langsam, für diesen Gedanken zu öffnen. Alles war gut so wie es war. Wir beide zusammen. Brauchte es da noch einen Trauschein, der es amtlich macht? Wir waren jung, verliebt und glücklich.

Wir hatten keine Eile.

Aber ja, der Gedanke daran war schön. Auch in Richtung gemeinsamer Familienplanung. Ich gehöre zu den Frauen, denen nicht schon ein Leben lang klar war, dass sie Kinder möchte.

Aber eines Tages sprachen wir, rein theoretisch, über Kinder. Beide ganz vorsichtig. Ohne, dass es zu diesem Zeitpunkt zu ‚ernst‘ werden sollte. Aber in mir drin war es klar. Wir suchten eine gemeinsame Wohnung. Eine, mit einem extra Zimmer.

Und wir wussten beide, ganz ohne Worte, für wen dieses Zimmer sein sollte.

Dann starb er.

Er fiel einfach um, während ich daneben stand und nichts tun konnte. Und ich blieb zurück. Ohne Mann. Ohne Kinder. Alleine. Alleine mit Anfang 30. Einer Zukunft beraubt, von der ich bis dahin glaubte, dass sie mir ganz selbstverständlich zu stünde.

Ich verstand nicht, wie mir nun das genommen werden konnte. Andere durften es doch weiterhin so ganz selbstverständlich haben. Was hatte ich, was hatten wir getan?

Um mich herum machten sich immer mehr Freunde ernsthafte Gedanken über Kinder.

Und während sie diese Kinder auch bekamen, blieb ich weiterhin alleine. Eine Frau ohne Kinder. Ohne Familie. Wie eine Aussätzige auf dieser Welt, zu der ich doch eben gerade noch dazu gehört hatte.

Manche sagten mir, ich sei ja noch jung. Könne zum Glück noch Jemanden finden. Dann klappt es bestimmt auch für mich mit den Kindern. Aber geht es denn darum? Mit irgendjemandem Kinder zu bekommen?

Mir irgendwie nicht.

Mir ging es erst einmal darum, traurig zu sein.

Julian wäre ein ganz wundervoller Vater gewesen! Und es zerriss mich innerlich, wenn ich andere Männer mit ihren Kindern sah.

Ich blieb übrig mit unseren ungeborenen Kindern. Von Julian blieben nur Erinnerungen. Schöne, tolle, wundervolle Erinnerungen und all die Dinge, die er in mir und anderen Menschen berührt und bewegt hat. Ja, da ist ganz viel, was von ihm bleibt.

Aber eben keine Kinder.

Ein so wunderbarer Mensch und keine Kinder, an die er irgendetwas hätte weitergeben können. Seine wundervollen Gene mit in den Tod genommen. Ich wollte, ja ich musste, traurig darüber sein. Egal was die Zukunft bringen würde.

Eine Zeit lang bereute ich zutiefst, dass wir uns nicht mehr beeilt hatten. Ich wünschte, ich wäre wenigstens noch die Mutter eines seiner Kinder geworden. Aber es sollte nicht sein. Klar, biologisch betrachtet kann ich immer noch Kinder kriegen. Aber, ich möchte sie nicht um jeden Preis.

Ich kann durchaus verstehen, wenn Frauen alles versuchen um ein Baby, Ihr Baby, zu bekommen. Aber mein Weg ist es nicht. Das spüre ich ganz deutlich.

Eine intensive Zeit war meine Trauer um die Tatsache, dass ich nicht diese Mutter sein werde.

Nicht die Mutter der Kinder, dessen Vater ich mir für sie ausgesucht hatte. Unabhängig davon, was die Zukunft bringen mag. Und ob da vielleicht doch noch Kinder kommen werden. Sie sind nicht ein Teil von ihm.

Und ich hatte das Bedürfnis, um diese Tatsache zu trauern. Es war nicht einfach, dafür Raum zu bekommen. Noch schwerer, als für die Trauer um Julians Tod. Man sagte mir immer allzu schnell, dass es doch noch nicht zu spät sei.

Kinder und Familien konnte ich nicht ertragen.

Paare schon. Meine Trauer um Julians Tod war damals bereits milder, sanfter, friedlicher geworden. Aber Kinder ertrug ich nicht. Es zerriss mich jedes Mal. Ich spürte einen tiefen Schmerz, eine große Leere in meinem Bauch. Dem Bauch, der doch eigentlich dazu bestimmt war, einmal ein Kind darin zu erschaffen.

Wie sollte ich damit umgehen, wenn Freundinnen schwanger würden?

Wünschte ich es ihnen ja von Herzen. Aber wie sollte ich da Platz haben? Würde ich ihr Glück stören, weil sie mir ansehen, wie traurig es mich macht? Eine Weile lang dachte ich, ich müsste mir vielleicht neue Freunde suchen. Weil ich nicht mehr dazu gehören könnte.

Ich fühlte mich unverstanden in meiner Trauer um unsere Kinder.

Julians und meine Kinder, die es nie geben wird. Selbst wenn eines Tages ein anderer Mann erscheint, mit dem ich Kinder bekäme, wären es eben nicht diese. Und ich bin nicht der Typ Frau, der denkt, Glück sei allein abhängig von einem Mann oder Kindern.

Mein Leben ist bereits neu, anders, wieder gut und glücklich. Um da hinzukommen, war es wichtig für mich, genau das zu fühlen, was an Gefühlen da ist.  Und eine Zeit lang war eben ein tiefer Schmerz über die Tatsache da, dass ich nicht die Mutter unserer Kinder werden würde.

Es war eine wirklich schmerzhafte Zeit auf vielen Ebenen.

Aber irgendwann kam sie. Die Mitfreude. Die ehrliche Mitfreude. Freundinnen wurden schwanger und wir redeten offen über alle Gefühle. Auch die, die für mich damit verbunden waren. Ich durfte teilhaben, aus nächster Nähe, ein bisschen mit schwanger sein.

Nach und nach wandelte sich meine Traurigkeit, mein Schmerz, in Freude um. Heute bin ich vernarrte Patentante. Dankbar, dieses kleine Wesen erleben und ein wenig im Leben begleiten zu dürfen. Dankbar für alles, was ich von ihr, und mit ihr, lernen darf.

Vielleicht soll ich in diesem Leben nicht selbst Mutter werden.

Das heißt aber nicht, dass Kinder keine Rolle darin spielen dürfen. Es ist nicht meine eigene Tochter, die ich da aufwachsen sehe. Aber ich liebe sie von ganzem Herzen. Bin zugleich eine ‚Ein-Frau-Familie‘, aber auch Teil dieser wunderbaren kleinen Familie. In meiner Rolle als Patentante.

Ende des Jahres werde ich 35.

Und wer weiß, wer mir noch begegnet. Wer weiß, ob nicht morgen plötzlich der Mann vor meiner Tür steht, der meine Familie sein wird. Kann das überhaupt jemand von der Zukunft wissen? Ich weiß nur, dass ich nicht suche. Wenn es sein soll, wird es geschehen.

Aber mein Gefühl sagt mir, dass für mich das Muttersein in diesem Leben nicht dran ist.

Ich glaube diesem Gefühl jetzt erst einmal und nehme es an. Und bin wirklich okay damit. Okay und etwas wehmütig zugleich. Denn ich weiß auch, oder erahne zumindest, dass es eine ganz besondere, wundervolle Erfahrung sein kann, Mutter zu werden und zu sein.

Bei aller Traurigkeit, die immer wieder vorbeikommt, ist da auch so viel Frieden in mir. Ich bin sehr dankbar, dass ich so gut damit sein kann. Dass ich gut alleine sein kann.

Und wünsche mir Anerkennung für meine Situation.

Für meine Nicht-Familie. Und auch dafür, dass ich mich nicht auf die Suche begebe. Dass ich nicht alles daran setze, einen Mann zu finden, der der Vater meiner potentiellen Kinder werden könnte.

Da habe ich immer wieder das Gefühl, dass man mir nicht glaubt. Als hätte ich Julians Tod noch nicht ‚gut genug‘ verarbeitet. Sei einfach noch nicht bereit für eine neue Beziehung. Ich dies in Angriff nehmen müsste, um endlich wieder normal und glücklich zu sein.

Als ob ein neuer Mann das Ziel meiner Trauer wäre.

Bin ich unnormal, wenn ich auch ohne neue Beziehung glücklich leben kann?
Wenn ich davon überzeugt bin, in meinem Leben Sinn finden zu können, auch ohne Mutter zu werden?
Wenn meine Trauer mich in ein ganz neues, ganz unerwartetes, ganz bereicherndes Leben voller Liebe führt und das ganz ohne Familie?

Darf ich als Ein-Personen-Familie hier sein, ohne mich falsch zu fühlen und einfach so gesehen werden, wie ich bin? Mir es als Frau erlauben mein ‚biologisches Lebensziel‘, meine Daseinsberechtigung nicht zu erfüllen?

Kann ich traurig über meine nicht vorhandene Familie sein,

ohne zu versuchen, doch noch eine zu bekommen? Kann ich eine Frau sein, die weder um jeden Preis Familie möchte, noch sicher ist, keine Kinder zu wollen? Kann ich auf eine Art irgendwie beides sein?

Muss ich für mich und meine Familiensituation überhaupt einen Namen finden? Darf ich einfach ich sein, mit all diesen scheinbar widersprüchlichen Gedanken und Gefühlen?

Darf ich traurig sein ohne nach einer Lösung zu suchen, einfach weil es wirklich traurig ist?

Und was ist meine Rolle als Frau in dieser Welt,

wenn ich meine Liebe nicht eigenen Kindern widme. Keinen Mann an meiner Seite habe? Es sind große Fragen, die mich da beschäftigen in meiner Ein-Frau-Familie. Und ich möchte sie für den Moment unbeantwortet stehen lassen. Vielleicht braucht es ein ganzes Leben, um Antworten darauf zu finden.

Und vielleicht bin ich mit diesen Gedanken und Gefühlen, nicht ganz alleine.


Anfang 2017 startete Silke auf ihren Blog einen Aufruf: ‚Was ist Deine persönliche Geschichte zum Thema Trauer?‘ Und gab mir damit den entscheidenden Impuls, Maries und meine Geschichte nieder zu schreiben: Depression, Du großer schwarzer Hund.

Dieses Jahr noch erscheint ihr Buch unter dem Titel “Zwischen den Welten” im MASOU-Verlag. Darin erzählt sie ihre ganz persönliche Geschichte vom Tod ihres Lebenspartners in Nepal und ihrem Weg durch den Schmerz der Trauer zurück in ein neues Leben.

Wer mehr von ihr lesen möchte und sich für ihr Buch interessiert, muss unbedingt auf ihrem Blog vorbei schauen: InLauterTrauer.de

Willst Du Deine/eure Geschichte auch mit uns teilen?

Schreibe mir! Und wir können einfach mal in Ruhe ein paar Zeilen austauschen… Freue mich auf Dich!
Rock On!

Published inAnnas WeltJede Familie ist anders

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2 Comments

  1. Liebe Silke,

    Du bist nicht alleine. Ich lese deine Geschichte und kenne jede Zeile, jeden Gedanken und auch das Patenkind, dass auch in mein Leben als Ein-Frau-mit-Hund-Familie eingezogen ist. Mich bewegt es sehr, von Dir zu lesen. Danke dir von Herzen!

    Juli

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