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Wenn Kinderwunsch zum Alptraum wird

„Unser Kinderwunsch ist für mich zum Alptraum geworden.“

Ina*: 32 Jahre, selbstständig, Luke*: 42 Jahre, Country Manager. Zusammen seit: Oktober 2012, verheiratet seit: September 2014

Inas & Lukes Geschichte ist so berührend, traurig und voller Liebe. Sie zeigt wie dankbar und demütig man durchs Leben gehen muss und nichts selbstverständlich ist. Schwanger zu werden und ein Baby zu bekommen, ist zwar gefühlt das natürlichste und selbstverständlichste der Welt. Aber leider nicht für alle.

In Inas und Lukes Fall ist das Schicksal so ein riesiger Arsch, dass man ihm gerne mal beherzt gegens Schienbein treten würde… Jeder der diesen Beitrag liest, wird sich danach die Frage: „Und ihr?! Wollt ihr keine Kinder?!“ – zukünftig verkneifen. Denn vielen Paaren geht es nicht ’nur‘ ums wollen, sondern ums verwirklichen können. „Wollt ihr keine Kinder?!“ – fühlt sich da, wie eine verbale Backpfeife an.

Danke Ina! Danke, dass Du den Mut und die Stärke aufgebracht hast eure Geschichte mit uns zu teilen. Sie wird Herzen berühren und denjenigen, die in einer ähnlichen Situation sind die Gewissheit geben, mit ihrem Schicksal nicht alleine zu sein.

Aus tiefstem Herzen wünsche ich euch, dass ihr euren Frieden findet. Egal in welcher endgültigen Familien-Konstellation. Die Liebe die euch verbindet und das Glück euch gefunden zu haben ist ein Geschenk, welches nicht alle Menschen erhalten. Egal was das Schicksal weiter für euch vorgesehen hat, eure Liebe kann es euch nicht nehmen!

Lest hier, ihre berührende Geschichte.

Ich bin glücklich verheiratet.

Manchmal kann ich gar nicht glauben, dass mir dieser Mann wirklich passiert ist. Wir verstehen uns blind und unterstützen uns bedingungslos. Wissen, dass wir uns 100 prozentig aufeinander verlassen können.

Wir lernten uns 2011 kennen, er 38, ich 28 Jahre alt, in Brasilien in einer Bar.
Er Kanadier, ich Deutsche. Kaum wahrscheinlich, dass wir ein Leben miteinander verbringen werden. Aber, er war ziemlich bestimmt und hat mir einfach ein Flugticket ans andere Ende der Welt gekauft. Bevor ich mich umschauen konnte, war es um uns beide geschehen! Ich gab alles in Deutschland auf und zog zu ihm nach Kanada.

Wir haben diesen Traum von unserem weiteren, gemeinsamen Leben. Den Traum von einem Haus auf einem großen Grundstück, in dem wir eigenes Gemüse anpflanzen. Nicht weit entfernt vom Meer. Wollen in den nächsten zehn Jahren einen Roadtrip machen. Ganz frei entscheiden wo wir als nächstes hinfahren und dort anhalten, wo es uns gefällt. Jeden Tag surfen und Sonnenuntergänge anschauen, solange die Kinder noch klein sind und nicht in die Schule gehen.

Das Problem ist nur, wir haben keine Kinder.

Und ich freunde mich langsam mit dem Gedanken an, dass wir diesen Roadtrip zu zweit antreten werden. Bald werde ich 33 Jahre alt sein und habe theoretisch noch genug Zeit um Kinder zu bekommen. Aber die Geschichte die wir hinter uns haben, lässt mich daran zweifeln, ob das Schicksal für uns Kinder vorher gesehen hat…

Den ersten positiven Schwangerschaftstest

…hielt ich im Juni 2014 in Händen.
Die Pille hatte ich gerade abgesetzt und Babies noch gar nicht wirklich auf dem Schirm. Aber wir freuten uns beide total! Doch die Freude hielt nur kurz. Sechs Wochen später wachte ich morgens in einer Blutlache auf und im Krankenhaus wurde die Fehlgeburt bestätigt. Ich nahm es mir nicht so zu Herzen. War ich ja eh noch gar nicht richtig im Baby-Fieber.

Später machte Luke mir einen Heiratsantrag, nahm kurze Zeit darauf eine neue Stelle an und wir zogen nach Nepal. Wir entschieden, unseren Kinderwunsch bis nach der Hochzeit zu vertagen und während unseres Honeymoons, fünf Monate später, jetzt wieder aufzunehmen. Allerdings wäre im Nachhinein betrachtet die Einstellung: “Wenn es klappt, dann klappts. Wenn nicht, dann nicht.“ die bessere gewesen…

Denn jetzt folgte der Kopfterror.

Ich bin von Grund auf sehr ungeduldig. Wenn etwas nicht gleich passiert, stelle ich mich sofort selbst in Frage.

Ein Baby war meine Mission und es musste einfach jetzt passieren! Im Internet recherchierte ich alle Möglichkeiten, wie man am schnellsten schwanger werden kann und stresste mich (und Luke) damit so sehr, dass es natürlich nicht passierte. Irgendwann war ich so mit den Nerven am Ende, dass ich nach Deutschland flog um mit meinem Psychiater zu reden, da ich an nichts anderes mehr denken konnte.

Er verschrieb mir Antidepressiva und versicherte, dass dies dem Kinderkriegen nicht im Wege stehen würde. Mir ging es viel besser und schwupps, zwei Monate später hielt ich einen positiven Test in der Hand.

Ich dachte, mein Kopfterror würde aufhören

… aber er fing gerade erst an! Diese panische Angst vor einer erneuten Fehlgeburt, damit hatte ich nicht gerechnet.

Den Ausspruch “ich bin schwanger” bekam ich nicht über die Lippen, weil ich immer dachte, dass ja noch so viel schief laufen kann. Jeden Piekser deutete ich als Anzeichen dafür, dass unser Baby tot sei. Ständig rannte ich zum Ultraschall und verlangte vom Arzt, den Doppler zu betätigen. Das letzte Mal in der 9. Woche. Dann beruhigte ich mich etwas. In der 13. Wochen gingen wir erneut zum Scan…

…und kein Herzschlag war mehr zu sehen.

In der 10. Woche hatte unser Baby aufgehört zu leben.
Eine Ausschabung folgte und ich sah Luke das erste Mal schluchzen – das war fast der schlimmste Moment. Zum Glück verheilten meine körperlichen Wunden schnell und fünf Wochen später bekam ich wieder meine Regel. Der von uns gewünschte Gewebe-Test des Föten um zu sehen, ob genetische Gründe die Fehlgeburt ausgelöst hatten, bestätigte sich. Unser Baby hatte eine Trisomie.

Zu dieser Zeit tat sich einiges im Job und obwohl ich mir so sehr ein Kind wünschte, rückte das Thema etwas in den Hintergrund. Wir gingen es lockerer an, diesmal ohne Ovulationstests. Als ich einige Zeit später zu einem Kongress flog wusste ich, dass kurz vorher mein Eisprung käme. “Ach, besser wenn es nicht klappt”  dachte ich mir noch, „mit der ganzen Fliegerei und dem Alkohol…“.

Zurück in Nepal hielt ich dann aber meinen dritten positiven Test in den Händen. Ich wusste sofort, dass es ein Mädchen ist! Welches sich mit dem Bluttest in der 12. Woche dann auch bestätigte. Keine Trisomien. Keine Auffälligkeiten. Unser Baby war gesund!

Dennoch hielt mich etwas davon ab, unsere Schwangerschaft publik zu machen.

In der 14. Schwangerschaftswoche planten wir ein langes Wochenende mit Freunden, am Strand in Myanmar. Ich war etwas besorgt wegen der Fahrt dorthin, da die Straßen in schlechtem Zustand und die Fahrten entsprechend ruckelig sind. Aber mein Arzt versicherte, dass es für meine Nerven gut sei mal ein Wochenende zu entspannen und kein Baby von einer zu ruckeligen Fahrt stirbt. Also fuhren wir.

Montags  kamen wir zurück und Mittwochs darauf hatte ich rote Pusteln am Bauch. Mein Arzt wusste nicht was es ist und ordnete einen Dengue Test an, welcher negativ war. ‚Gott sei Dank!‘, dachte ich mir noch. Aber im Nachhinein hätte ich mir Dengue gewünscht…
Zika und Dengue sind verwandt, dass wusste ich und versuchte im Internet Klarheit darüber zu bekommen, was dieser Ausschlag, der mittlerweile meinen gesamten Körper bedeckte, zu bedeuten hatte.

Die Bilder die zu Zika kamen, sahen genau wie mein Ausschlag aus.

Mich packte die Panik.
In Nepal kann man Zika nur mit hohem bürokratischen Aufwand testen. So flogen wir zu einem Spezialisten nach Bangkok. Meine Befürchtung, dass es das sei fand er zwar absurd, willigte aber ein mich darauf zu testen. Eigentlich nur um mich zu beruhigen. In Myanmar gäbe es kein Zika, die WHO sei vor Ort und hätte sonst schon darüber berichtet. Ich war beruhigt.

Aber am Tag drauf hatte ich eine Email mit dem Testergebnis im Posteingang:

Zika: Detected – Test positiv

Mir wurde schwarz vor Augen.

Hin und her gerissen zwischen Hoffnung und Verzweiflung. Ich konsultierte jeden Arzt und telefonierte mit dem Tropeninstitut in Deutschland. Alles was sie mir sagten war, dass man mir nichts mit Sicherheit sagen könne… Jegliche Information die ich über Zika in die Finger bekam verschlang ich und entschied schlussendlich, unser Baby zu behalten. Hoffte der Virus sei in Asien ein anderer, als der in Brasilien.

Man erzählte mir unzählige Grusel-Geschichten von Frauen, die Kinder mit schwersten Behinderungen zur Welt gebracht hatten. Der Arzt legte uns eine aktuelle Studie vor welche von Babys berichtete, die gesund zur Welt gekommen waren, aber deren Köpfe innerhalb des ersten Jahres aufhörten zu wachsen. Dazu kamen Atem, Hör, Seh- und nervliche Probleme.

Schlussendlich überzeugten mich mein Mann & unsere Familien, dass wir das Baby nicht bekommen sollten.

Wir wüssten ja, dass wir schwanger werden können. Könnten es danach weiter versuchen.

In Deutschland war ich aber für eine Abtreibung zu weit, in Nepal und Thailand sind Abtreibungen illegal. So blieb nur noch Singapur, wo bis zur 24. Woche noch legal abgetrieben werden kann. Aber nur als Staatsangehörige. Luke rief in einer Praxis in Singapur an und sagte, ich habe Zika. Ja, wir sollten vorbeikommen. Eine Ausschabung sei unter diesen Umständen noch möglich.

Diese Aussage lies mich wohl alle Zweifel über Bord werfen. Ich hatte panische Angst ein unheilbar krankes Baby gebären zu müssen. Wir flogen nach Singapur und in der 15. Woche verabschiedete wir uns von unserem Baby. Es war eine Art Erleichterung. Endlich hatten wir eine Entscheidung getroffen.

Heute bereue ich es.

Was, wenn unser kleines Mädchen völlig gesund gewesen wäre? Was, wenn alle Befürchtungen um ihre Gesundheit nie eingetroffen wären? Was, wenn Zika in meinem Fall gar keinen Einfluss auf ihre Entwicklung genommen hätte?

Doch, das nützt jetzt alles nichts. Wir haben eine Entscheidung getroffen und ich muss lernen damit zu leben.

Heute, neun Monate später, habe ich die Abtreibung körperlich und seelisch immer noch nicht überwunden. Ich habe seltsame braune Zwischenblutungen, die Ärzte glauben an einen Progesteronmangel, aber das Progesteron das ich verschrieben bekommen habe, hat die Blutungen nicht gestoppt. Ich gehe zu einer Homöopathin in der Hoffnung, dass sie mein Hormon-Chaos aufräumen kann.

Obwohl ich weiß, dass wir schwanger werden können, habe ich immense Angst davor. Vielleicht ist dies der Grund, warum es seitdem nicht mehr klappt.

Ich habe eine emotionale Blockade.

Und keine Ahnung wie ich diese loswerden kann.
Der Gedanke ein Baby zu haben terrorisiert mich. Ich habe Angst auf meiner Facebook Startseite wieder einmal zu erfahren, dass einer meiner Freunde ein Baby bekommt. Eine gute Freundin von mir ist schwanger und ich sage regelmäßig unsere Treffen ab. Ich kann sie mit ihren Baby-Bauch einfach nicht ertragen.

Leider ist das Thema Kinderkriegen und wie emotional das alles ist, für mich wirklich zum Alptraum geworden. Es fühlt sich an, als sei ein Kind zu machen das schwierigste der Welt. Und dann gibt es so viele Paare, die gar keins wollen und einfach schwanger werden…

Wir wünschen uns so sehr ein Kind, aber in der Zwischenzeit frage ich mich, ob es diesen Terror in meinem Kopf wirklich wert ist. Ich habe beschlossen erst einmal Abstand zu nehmen und meine Hormone wieder in den Griff zu bekommen.

Aber, irgendwie hat das alles auch etwas gutes.

Luke und meine Beziehung ist stärker und intensiver denn je. Wir halten nichts für selbstverständlich und unsere Geschichte hat uns als Paar noch stärker gemacht. Auf meinen 40. Geburtstag freue ich mich heute schon. Entweder haben wir dann Kinder, oder ich habe mich mit dem kinderlosen Dasein angefreundet.

So stelle ich es mir jedenfalls vor.

Kurz bevor ich Inas Geschichte veröffentlichen wollte, erreichte mich folgende Nachricht:

Einige Tage nachdem wir gesprochen hatten, war mir auf einmal übel. Immer und immer wieder. Es war seltsam und aus Neugier machte ich einen Schwangerschaftstest – positiv! Das war an dem Tag an dem ich nach Deutschland, zur Taufe meiner Nichte flog. Ich war einfach unendlich froh, nach dieser höllenhaften Abtreibung, den schrecklichen Zyklus ständiger Zwischenblutungen durchbrochen zu haben. Egal wie es diesmal ausginge.

Der Frauenarzt in Deutschland bestätigte die Schwangerschaft und schätzte mich in der 6.-7. Schwangerschaftswoche ein. Der Herzschlag des Babys sei aber unregelmäßig und ich solle in einer Woche wieder kommen. Ich hatte aber ein gutes Gefühl – diesmal würde es klappen! Auch mein Vater sagte mir, dass niemand so ein großes Pech haben könne. Es dieses mal ganz sicher gut gehen würde!

Aber in der Woche darauf, fand der Arzt keinen Herzschlag mehr – meine dritte Ausschabung folgte.

Alle an mir durchgeführten Tests bzgl. Durchblutung und genetischer Problemen sind negativ. Auch die meines Mannes sind unauffällig und es liegen sicher keine genetischen Hürden vor.

Das Schicksal ist bei uns einfach, ein riesiger Arsch.

* Namen und Orte habe ich geändert. Diese berührende Geschichte nicht.


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Schreibe mir! Und wir können einfach mal in Ruhe ein paar Zeilen austauschen… Freue mich auf Dich!
Rock On!

Published inAnnas WeltJede Familie ist anders

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